
surreal
[ˈzʊreaːl] Adjektiv
traumhaft-unwirklich
Surreal könnte einem Lehrer einer Regelschule die Vorstellung und erst recht das Erlebnis erscheinen, sich an einem Lernort zu befinden, in dem eine selbstverständlich ruhige Arbeitsatmosphäre herrscht und in dem die Kinder aus Eigenverantwortung heraus lernen. Am unwirklichsten ist wohl der Umstand, Schule nicht mit Stress zu verbinden – soweit man es von einem eintägigen Besuch zu beurteilen wagt, für Schüler und für Lehrer. Doch eines nach dem anderen …
Als wir am Montessori-Zentrum Schweinfurt ankamen, forderte ein großes Schild alle ankommenden Lehrer auf, das Gebäude nur tanzend zu betreten. Die Schulgemeinschaft wirkte insgesamt recht familiär, nicht nur wegen der geringeren Schülerzahl. Herr Bauer, der die Leitung der Montessori-Mittelschule innehat, begrüßte uns und stellte uns die Schule und deren Konzept vor.
Eines der ersten Highlights war das Konzept der Pauk-Tage, wo sich Schüler der Abschlussklassen in einer Art Schullandheim zum gemeinsamen Lernen auf die Prüfungen vorbereiten können. Natürlich starten da gleich die ersten Gedanken und internen Gespräche darüber, ob/wie das an einer Realschule umsetzbar ist: Zeit? Geld? Zustimmung des Direktors?
Die Frage „Ist das umsetzbar? Kann ich das für meinen Unterricht mitnehmen?“ begleitete uns irgendwie durch den ganzen Vormittag. Etwas ernüchtert kommt man dann eventuell zu dem Schluss: Nein. So angenehme Unterrichtsräume mit optimaler Ausstattung und Arbeitsmaterialien, wo die Lehrkraft den Schülern im Allgemeinen mehr vertraut als auf die Finger schaut, setzen kleinere Klassen von ca. 13 Schülern einfach voraus. Vielleicht erfordert die Offenheit zu diesem Gedanken aber auch einfach ein gewisses Maß an Mut, sich nicht hinter den Phrasen eines Resignierten zu verstecken.
In freiem auf Selbstständigkeit basiertem Unterricht, in dem die Lehrkraft den Lernprozess eher begleitet und Hilfestellung gibt, ohne den Unterricht zu sehr zu lenken, wirkten fast alle Schüler konzentriert und ruhig motiviert. Eine solche Lenkung würde aber auch dem Prinzip der Freiarbeit widersprechen, hat doch jeder Schüler seine ganz eigene Verantwortung, dem ihm gestellten Wochenplan für die verschiedenen Fächer nachzukommen und sich seine Zeit entsprechend einzuteilen. Aus der Regelschule gewohnte Sätze wie „Der Arbeitsauftrag ist klar, jetzt konzentriere bitte auch darauf.“ werden hier also in vielerlei Hinsicht obsolet. Dabei noch gar nicht erwähnt, aber mit das Grundgerüst für diese didaktische und pädagogische Linie, ist der Vergleich Maria Montessoris, die ein Kind mit einer Blumenzwiebel verglich, die in irgendeine Richtung zu ziehen, einfach nichts bringe. Stattdessen solle man die Blume gießen und beim Wachsen begleiten – das Konzept des „inneren Bauplans“.
Besonders die emotionale und zwischenmenschliche Reife, die den Kindern am Montessori-Zentrum vermittelt werden soll und wird, ist beeindruckend. In der Aula wurde wohl ein musikalischer Auftritt geübt. Im Vorbeigehen die Zeile „… wenn du weinst, weil es nicht anders geht …“ aufzuschnappen, ist ungelogen bewegend, wenn sich die meisten Menschen in unserer Gesellschaft das wahrscheinlich auch jenseits der 10. Klasse kaum vor anderen zu sagen trauen würden. Und in einem Klassenzimmer war eine längere Liste von Verhaltensregeln zu sehen, auf deren Platz 3 „Wir petzen nicht.“ rangierte.
Ein allzu runder und geschmeidiger Absatz zum Abschluss à la „Nach einem Tag voller … können wir nun einstimmig sagen …“ wirkt hier fast unpassend, wo doch jeder seine ganz eigenen Anregungen mitnehmen kann und muss.
Michael Leeming















